Die Wissenschaft des Notizen-Machens
Notizen machen ist kein passiver Vorgang – es ist ein kognitiver Prozess, der bestimmt, wie tief Wissen verankert wird. Die kognitionspsychologische Forschung unterscheidet zwischen generativem und nicht-generativem Notieren. Wörtliches Mitschreiben ist nicht-generativ: Du überträgst Informationen vom Dozenten auf das Papier, ohne sie mental zu verarbeiten. Generatives Notieren hingegen – also das Umformulieren, Zusammenfassen und Verknüpfen in eigenen Worten – aktiviert tiefere Verarbeitungsprozesse im Gehirn. Craik und Lockhart (1972) nannten dies „Levels of Processing": Je tiefer die Verarbeitungsebene, desto stabiler die Gedächtnisspur.
Die Verlangsamung beim Notieren ist ein Feature, kein Bug. Handschriftliches Notieren zwingt Dich dazu, zu selektieren und zu komprimieren – und genau diese Selektion bildet Gedächtnisspuren.
Eine zentrale Erkenntnis der Forschung ist, dass die Verlangsamung beim Notieren ein Feature ist, kein Bug. Handschriftliches Notieren zwingt Dich dazu, zu selektieren und zu komprimieren, weil Du nicht schnell genug schreiben kannst, um alles wörtlich festzuhalten. Diese Selektion ist genau die aktive Verarbeitung, die Gedächtnisspuren bildet. Im DACH-Raum, wo Vorlesungen oft 90 Minuten dauern und Dozenten frei vortragen, ist diese Fähigkeit besonders entscheidend.
Die vergessene Hälfte des Notierens ist die Nachverarbeitung. Studien zeigen, dass Notizen, die nach der Vorlesung überarbeitet, ergänzt und mit bestehendem Wissen verknüpft werden, zu deutlich besserer Behaltensleistung führen als unbearbeitete Mitschriften. Plane nach jeder Vorlesung 15–20 Minuten ein, um Deine Notizen zu strukturieren, offene Fragen zu markieren und Verbindungen zu früheren Themen herzustellen. Genau diese Lerngewohnheit trennt erfolgreiche von durchschnittlichen Studierenden.
Die Cornell-Methode im Detail
Die Cornell-Methode, entwickelt in den 1950er-Jahren an der Cornell University von Walter Pauk, ist eine der am besten erforschten Notiztechniken weltweit. Das System teilt Dein Blatt in drei klar definierte Bereiche: Der breite Notizbereich rechts dient der Mitschrift während der Vorlesung. Die schmale Stichwortspalte links wird nach der Vorlesung mit Schlüsselbegriffen, Fragen und Verknüpfungspunkten gefüllt. Der Zusammenfassungsbereich unten fasst den Kern des Themas in zwei bis drei Sätzen zusammen.
Was die Cornell-Methode besonders macht, ist die eingebaute Wiederholungsmechanik. Die Stichwortspalte funktioniert wie ein Self-Testing-System: Du deckst den Notizbereich ab und versuchst, anhand der Stichworte den Inhalt aus dem Gedächtnis abzurufen. Das ist Active Recall in Reinform – und damit eine der effektivsten Lerntechniken, die es gibt. Eine Studie von Jacobs (2008) zeigte, dass Studierende mit Cornell-Notizen bei Prüfungen bis zu 29 % besser abschnitten als jene mit unstrukturierten Mitschriften.
Für den Einsatz in deutschen Universitäten empfiehlt sich eine leichte Anpassung: Nutze die Stichwortspalte nicht nur für einzelne Begriffe, sondern auch für Verständnisfragen, die Du Dir selbst stellst. Beispiel: Statt nur „Maslow" zu notieren, schreibe „Warum wird Maslows Pyramide heute kritisch gesehen?" Das erzwingt tieferes Nachdenken und bereitet Dich besser auf mündliche Prüfungen vor, die im DACH-Raum häufiger sind als im angelsächsischen System.
Der Zettelkasten für Studierende
Der Zettelkasten, erfunden vom deutschen Soziologen Niklas Luhmann, ist das vielleicht mächtigste Notizsystem für vernetztes Denken. Luhmann nutzte seinen analogen Zettelkasten mit über 90.000 Zetteln, um mehr als 70 Bücher und 400 Fachartikel zu veröffentlichen. Das Grundprinzip ist radikal einfach: Jeder Zettel enthält genau einen Gedanken, formuliert in eigenen Worten, und wird mit verwandten Zetteln verlinkt. So entsteht ein Wissensnetzwerk, das mit jedem Semester wertvoller wird.
Der größte Vorteil des Zettelkastens für Studierende liegt in der Überwindung des „Fach-Silos". In einem typischen Studium lernst Du Inhalte isoliert nach Vorlesung sortiert. Der Zettelkasten zwingt Dich, Querverbindungen zu erkennen – genau das, was Prüfer in Klausuren und Hausarbeiten sehen wollen.
Für Studierende liegt der größte Vorteil des Zettelkastens in der Überwindung des „Fach-Silos". In einem typischen Studium lernst Du Inhalte isoliert nach Vorlesung sortiert – Statistik hier, Sozialpsychologie dort. Der Zettelkasten zwingt Dich, Querverbindungen zu erkennen: Wo überschneidet sich Wirtschaftspsychologie mit Verhaltensökonomie? Wie hängt die Spieltheorie mit Verhandlungsführung zusammen? Diese Vernetzung ist genau das, was Prüfer in Klausuren und Hausarbeiten sehen wollen.
Digital lässt sich der Zettelkasten heute mit Tools wie Obsidian, Logseq oder Notion umsetzen. Entscheidend ist nicht das Tool, sondern der Prozess: Lies den Originaltext, formuliere den Kerngedanken in eigenen Worten, verlinke ihn mit bestehenden Zetteln, und überlege, wo er zu bisherigem Wissen passt oder es widerspricht. Dieser Prozess des aktiven Verknüpfens ist es, der ein Second Brain entstehen lässt – ein externes Gedächtnis, das Du Dein gesamtes Studium lang aufbaust und das Dir bei jeder Hausarbeit und Klausur zur Verfügung steht.
Mind Mapping vs. lineares Notieren
Mind Mapping, entwickelt von Tony Buzan in den 1970er-Jahren, nutzt die visuelle Verarbeitungskapazität des Gehirns. Statt Informationen linear von oben nach unten zu schreiben, platzierst Du das Kernthema in der Mitte und verzweigst zu Unterthemen, Details und Beispielen. Diese radiale Struktur entspricht eher der Art, wie Dein Gehirn Informationen tatsächlich speichert – als Netzwerk, nicht als Liste. Forschungen zum Dual Coding (Paivio, 1971) zeigen, dass die Kombination von visueller und verbaler Verarbeitung die Behaltensleistung deutlich steigert.
Lineares Notieren hat allerdings seine eigenen Stärken: Es ist schneller in der Erstellung, besser für stark sequenzielle Inhalte (z. B. mathematische Beweisführung oder chronologische Abläufe) und leichter nachzuschlagen. Die beste Strategie ist oft eine Kombination: Nutze lineares Notieren für Vorlesungen mit klarer Schrittfolge und Mind Mapping für die Nachverarbeitung, wenn Du Verbindungen zwischen Themen visualisieren willst.
Ein häufiger Fehler beim Mind Mapping ist, zu viele Details aufzunehmen. Effektive Mind Maps arbeiten mit Schlüsselwörtern, nicht mit ganzen Sätzen. Jeder Ast sollte maximal zwei bis drei Wörter enthalten. Die Kraft liegt in der Struktur und den Verknüpfungen, nicht in der Vollständigkeit. Nutze Farben systematisch – z. B. eine Farbe pro Themenblock – und füge einfache Symbole oder Icons hinzu, um die visuelle Erinnerung zu stärken.
Handschrift vs. digitales Notieren
Die Debatte „Handschrift vs. Tastatur" ist eine der meistdiskutierten Fragen in der Lernforschung. Die bekannte Studie „The Pen Is Mightier Than the Keyboard" (Mueller & Oppenheimer, 2014) zeigte, dass Studierende, die handschriftlich notierten, bei Verständnisfragen besser abschnitten als Laptop-Nutzer – obwohl die Laptop-Gruppe mehr Inhalt aufschrieb. Der entscheidende Unterschied: Handschreiber mussten selektieren und paraphrasieren, weil sie schlicht nicht schnell genug schreiben konnten, um alles wörtlich festzuhalten. Die Laptop-Gruppe dagegen verfiel in wörtliches Transkribieren.
Neuere Meta-Analysen (z. B. Urry et al., 2021) differenzieren dieses Bild: Der Vorteil der Handschrift liegt nicht im Medium selbst, sondern in der erzwungenen Verarbeitung. Wer am Laptop bewusst paraphrasiert und nicht wörtlich tippt, erzielt ähnlich gute Ergebnisse. Das heißt: Wenn Du digital notierst, nutze es strategisch – etwa mit der Cornell-Vorlage in Notion, dem Zettelkasten in Obsidian oder Sketchnotes auf einem Tablet mit Stift. Vermeide unbedingt das Abtippen von Folien.
Ein pragmatischer Ansatz für den Uni-Alltag: Handschrift in der Vorlesung, digital in der Nachverarbeitung. Schreibe während der Vorlesung handschriftlich mit (erzwungene aktive Verarbeitung), und übertrage die Notizen anschließend in ein digitales System wie den Zettelkasten. Dieser doppelte Verarbeitungsschritt – erst handschriftlich formulieren, dann digital verknüpfen – ist zwar aufwändiger, verbessert aber die Konzentration und Behaltensleistung erheblich.
Die Feynman-Technik für tiefes Verständnis
Die Feynman-Technik, benannt nach dem Nobelpreisträger Richard Feynman, ist der ultimative Test, ob Du etwas wirklich verstanden hast. Das Prinzip besteht aus vier Schritten: (1) Wähle ein Konzept aus Deinen Notizen. (2) Erkläre es schriftlich in einfachen Worten, als würdest Du es einem Fünftklässler beibringen. (3) Identifiziere Stellen, an denen Du ins Stocken gerätst oder auf Fachbegriffe ausweichst – das sind Deine Wissenslücken. (4) Gehe zurück zum Quellmaterial, schließe die Lücken und erkläre erneut.
Im Kontext von Notizen-Methoden ist die Feynman-Technik besonders wertvoll als Qualitätskontrolle für Dein Notizsystem. Wenn Du ein Thema aus Deinen Cornell-Notizen oder Deinem Zettelkasten heraus nicht einfach erklären kannst, zeigt das, dass Deine Notizen zwar Informationen enthalten, aber kein echtes Verständnis widerspiegeln. Hier zeigt sich, warum aktives Abrufen als Lerntechnik so wirkungsvoll ist. Nutze diese Erkenntnis, um Deine Notizen gezielt zu überarbeiten: Ergänze Beispiele, vereinfache Formulierungen und stelle Verbindungen zu Alltagswissen her.
Besonders effektiv ist die Feynman-Technik in Lerngruppen, die an vielen deutschen Unis üblich sind. Erklärt Euch gegenseitig komplexe Themen, ohne ins Skript zu schauen. Wer nachfragen muss, hat eine Verständnislücke gefunden – und genau diese Lücken zu schließen ist der effizienteste Weg zur Prüfungsvorbereitung. Die Kombination aus Feynman-Technik und Cornell-Notizen schafft ein System, in dem aktives Verständnis und strukturierte Wiederholung Hand in Hand gehen.
Wie Athenify Dein Notizsystem unterstützt
Athenify wurde entwickelt, um die Brücke zwischen Notizen machen und Wissen verankern zu schlagen. Der Fokus-Timer strukturiert Deine Verarbeitungssessions in getimte Blöcke – ideal, um nach der Vorlesung 25 Minuten fokussiert Deine Notizen in Cornell-Format zu überarbeiten oder Zettel für den Zettelkasten zu erstellen. Der Pomodoro-Modus sorgt dafür, dass Du konzentriert arbeitest und rechtzeitig Pausen machst, statt Dich in endlosen Sessions zu verlieren.
Das Session-Tracking zeigt Dir über Wochen hinweg, wie viel Zeit Du tatsächlich in die Verarbeitung Deiner Notizen investierst. Die meisten Studierenden überschätzen, wie viel sie lernen, und unterschätzen, wie viel Zeit sie mit passivem Durchlesen verbringen. Mit konkreten Daten erkennst Du Muster: An welchen Tagen arbeitest Du am produktivsten? Welche Fächer vernachlässigst Du? Wie viel Zeit vergeht zwischen Vorlesung und Nachverarbeitung?
Tägliche Streaks belohnen Konstanz – und Konstanz ist der Schlüssel zu jedem Notizsystem. Ein Zettelkasten, der nur sporadisch gepflegt wird, baut kein Netzwerk auf. Cornell-Notizen, die nie wiederholt werden, bleiben toter Text. Athenify hilft Dir, die tägliche Routine aufzubauen, die aus guten Methoden echte Ergebnisse macht. Denn am Ende zählt nicht, welche Methode Du kennst – sondern welche Du konsequent anwendest.
Notizsysteme langfristig aufbauen
Ein gutes Notizsystem entsteht nicht über Nacht – es wächst über Semester hinweg. Der häufigste Fehler ist, am Anfang des Semesters hochmotiviert ein komplexes System aufzusetzen und es nach zwei Wochen wieder aufzugeben. Starte stattdessen minimal: Wähle eine Methode (z. B. Cornell) und wende sie konsequent in einem Fach an. Erst wenn die Gewohnheit sitzt – nach circa drei bis vier Wochen – erweitere auf andere Fächer oder füge den Zettelkasten als zweite Ebene hinzu.
Cornell-Notizen für die unmittelbare Vorlesungsverarbeitung (kurzfristig) und ein Zettelkasten für die Vernetzung von Wissen über Vorlesungen und Semester hinweg (langfristig). Die Cornell-Notizen sind Dein Arbeitsmaterial für die nächste Klausur, der Zettelkasten Dein Wissensspeicher für Hausarbeiten und Abschlussarbeiten.
Für das gesamte Studium empfiehlt sich eine Zwei-Ebenen-Architektur: Cornell-Notizen für die unmittelbare Vorlesungsverarbeitung (kurzfristig) und ein Zettelkasten für die Vernetzung von Wissen über Vorlesungen und Semester hinweg (langfristig). Die Cornell-Notizen sind Dein Arbeitsmaterial für die nächste Klausur. Der Zettelkasten ist Dein Wissensspeicher für Hausarbeiten, Abschlussarbeiten und darüber hinaus – im Grunde Dein Second Brain für das gesamte Studium. Beide Systeme ergänzen sich perfekt.
Plane wöchentlich einen „Review-Block" von 30–45 Minuten ein, in dem Du Dein Notizsystem pflegst: offene Cornell-Notizen nachverarbeiten, neue Zettel in den Zettelkasten einsortieren, Verknüpfungen aktualisieren und Inhalte mit Spaced Repetition und Karteikarten gezielt wiederholen. Tracke diesen Block als feste Lernsession. Über ein Semester hinweg baut sich so ein System auf, das Dir nicht nur bei Prüfungen hilft, sondern das gesamte Studium organisierter und stressfreier macht. Die Investition zahlt sich exponentiell aus – je mehr Wissen vernetzt ist, desto leichter fällt neues Lernen.
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