Der Lerntypen-Mythos: Was die Wissenschaft wirklich sagt

Warum „visuell, auditiv, kinästhetisch" Quatsch ist – und was stattdessen funktioniert

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Lukas von Hohnhorst
8. Januar 2026 · 8 Min. Lesezeit
TL;DR
Lerntypen (visuell, auditiv, kinästhetisch) sind ein wissenschaftlich widerlegter Mythos. Pashler et al. (2008) und zahlreiche Folgestudien fanden keine Evidenz. Das Problem: Lerntypen führen zu Selbstlimitierung und lenken von wirksamen Methoden ab. Was tatsächlich funktioniert: Active Recall, Spaced Repetition, Interleaving, Dual Coding – für ALLE. Teste mit Athenify, was bei dir wirkt.

Du hast wahrscheinlich gehört, du seist ein „visueller Lerntyp". Oder ein „auditiver". Vielleicht hast du sogar einen dieser Tests gemacht, der dir mit bunten Grafiken erklärt hat, wie dein Gehirn angeblich funktioniert. Das ist Unsinn. Nicht ein bisschen vereinfacht, nicht „grob richtig" – wissenschaftlich widerlegt, seit über 15 Jahren. Die Lerntypen-Theorie gehört in dieselbe Kategorie wie Horoskope: Sie klingt plausibel, fühlt sich persönlich an und ist trotzdem komplett haltlos.

Das Problem ist nicht nur, dass Lerntypen falsch sind. Das Problem ist, dass sie schaden. Sie führen dazu, dass Menschen sich selbst limitieren, Zeit verschwenden und wirksame Lernmethoden ignorieren. Trotzdem glauben 93 % der Lehrer an den Mythos. Zeit, aufzuräumen.

Lerntypen-Mythos


Was Lerntypen behaupten

Die Idee stammt ursprünglich von Frederic Vester (1975) und wurde durch das VARK-Modell von Neil Fleming (1987) international bekannt. Die Kernbehauptung ist simpel: Menschen lassen sich in Kategorien einteilen – visuell (lernt durch Bilder), auditiv (lernt durch Hören), kinästhetisch (lernt durch Bewegung und Anfassen) und manchmal lesen/schreiben als vierte Kategorie. Wer seinen Typ kennt und entsprechend lernt, so die Theorie, lernt effektiver.

Die Theorie hat eine intuitive Anziehungskraft. Natürlich hast du Präferenzen – vielleicht liest du lieber als zuzuhören, oder du magst Diagramme mehr als Textwände. Aber hier liegt der fundamentale Denkfehler: Präferenz ist nicht gleich Effektivität. Du magst vielleicht Schokolade lieber als Brokkoli. Das bedeutet nicht, dass Schokolade gesünder ist. Genauso wenig bedeutet deine Vorliebe für Videos, dass du aus Videos besser lernst als aus Texten. Das VARK-Modell ist übrigens nur eines von über 70 verschiedenen Lerntypen-Modellen – keines davon hat wissenschaftliche Evidenz für seine Kernbehauptung.


Die wissenschaftliche Widerlegung

Was die Forschung tatsächlich zeigt

2008 veröffentlichten Pashler, McDaniel, Rohrer und Bjork eine umfassende Metaanalyse in Psychological Science in the Public Interest. Sie durchsuchten die gesamte verfügbare Literatur zu Lerntypen und stellten eine einfache Frage: Gibt es Evidenz für die sogenannte Meshing-Hypothese? Diese Hypothese ist der Kern der Lerntypen-Theorie – die Behauptung, dass Lernergebnisse besser sind, wenn der Unterricht zum „Typ" des Lernenden passt.

„Wir fanden praktisch keine Evidenz für die Meshing-Hypothese."

Das Ergebnis war vernichtend. Die wenigen Studien, die überhaupt die nötige Methodik hatten – randomisierte Zuordnung, Messung der tatsächlichen Lernergebnisse, nicht nur Zufriedenheit – zeigten durchgängig: Es macht keinen messbaren Unterschied, ob der Unterricht zum angeblichen Lerntyp passt oder nicht. Visuelle Lerner lernen nicht besser aus Bildern, auditive nicht besser aus Podcasts.

Die Forschung hörte nicht bei Pashler auf. Willingham, Hughes und Dobolyi bestätigten 2015 in „The Scientific Status of Learning Styles Theories" das Ergebnis. Rogowsky, Calhoun und Tallal testeten 2015 explizit, ob „visuelle Lerner" besser aus Büchern und „auditive Lerner" besser aus Hörbüchern lernen – das Ergebnis war negativ. Husmann und O'Loughlin untersuchten 2019 Anatomie-Studenten, die nach ihrem VARK-Ergebnis lernten, und fanden keine Korrelation mit den Prüfungsergebnissen.

93 %
der Lehrer glauben an Lerntypen – obwohl die Wissenschaft sie widerlegt hat

Warum der Mythos trotzdem überlebt

Wenn die Evidenz so eindeutig ist, warum glauben dann noch so viele Menschen daran? Die Antwort liegt in der Psychologie des Mythos selbst. Erstens hat die Theorie eine starke intuitive Anziehungskraft – jeder hat Präferenzen, also müssen diese doch wichtig sein. Zweitens ist sie schmeichelnd: „Du bist ein visueller Lerntyp!" gibt dir eine Identität, eine Erklärung für Schwierigkeiten, manchmal auch eine bequeme Ausrede.

Drittens – und das ist oft unterschätzt – steckt eine profitable Industrie dahinter. Lerntypen-Tests, Workshops, Bücher, Online-Kurse – jährlich werden Millionen dafür ausgegeben. Viertens lernten viele Lehrkräfte Lerntypen in ihrer Ausbildung als etabliertes Wissen. Und fünftens wird der Mythos oft mit echten Konzepten verwechselt: Multimodales Lernen – also verschiedene Sinneskanäle zu nutzen – funktioniert tatsächlich. Aber es funktioniert für alle, nicht typspezifisch. Diese Verwechslung hält den Mythos am Leben.


Warum Lerntypen schaden

⚠️Die echten Probleme mit Lerntypen

Der Mythos ist nicht nur falsch – er richtet aktiven Schaden an. Wer glaubt, ein „auditiver Lerntyp" zu sein, sagt sich vielleicht: „Ich kann nicht aus Büchern lernen." Das ist nicht nur falsch, es wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Du versuchst es weniger, wirst schlechter darin, und „bestätigst" damit deinen Glauben. Diese Selbstlimitierung ist besonders tragisch, weil sie auf einer Fiktion basiert.

Hinzu kommt verschwendete Zeit. Stunden, die du damit verbringst, Lernmaterial in deinen angeblichen „Typ" umzuwandeln – etwa alles als Audio aufzunehmen oder als Diagramm zu zeichnen – wären oft besser in evidenzbasierte Methoden investiert. Und während du dich fragst „Bin ich eigentlich ein kinästhetischer Lerner?", verpasst du Techniken, die nachweislich funktionieren.

Ein besonders problematischer Aspekt: Manchmal werden Schüler als „kinästhetisch" eingestuft, wenn sie eigentlich Aufmerksamkeitsprobleme oder andere Herausforderungen haben. Das Label lenkt von echten Lösungen ab und verzögert angemessene Unterstützung.


Was tatsächlich funktioniert

Die gute Nachricht: Es gibt Lernmethoden, die wirklich funktionieren – belegt durch Dutzende von Studien, repliziert über Jahrzehnte, wirksam für alle Menschen unabhängig von angeblichen „Typen".

Active Recall und Spaced Repetition

Active Recall bedeutet, dass du dich selbst testest, anstatt passiv zu lesen. Du schließt das Buch und fragst: „Was habe ich gerade gelernt?" Dieser einfache Akt des Abrufens stärkt die neuronalen Verbindungen. Roediger und Karpicke zeigten 2006, dass Studenten, die sich selbst testeten, 50 % mehr behielten als solche, die nur wiederholten. Das funktioniert mit Karteikarten, Selbsttests nach jedem Kapitel, Lückentexten oder dem Erklären an andere.

Eng damit verbunden ist Spaced Repetition – verteiltes Wiederholen mit wachsenden Abständen. Statt alles an einem Tag zu pauken, wiederholst du den Stoff über Tage und Wochen verteilt, idealerweise kurz bevor du ihn vergessen würdest. Der Spacing-Effect wurde bereits 1885 von Ebbinghaus entdeckt und ist einer der robustesten Befunde der Lernpsychologie. Apps wie Anki nutzen Algorithmen, um die optimalen Wiederholungsintervalle zu berechnen. Mehr dazu findest du in unserem Artikel über Spaced Repetition mit Karteikarten.

Interleaving und Elaboration

Interleaving bedeutet, verschiedene Themen oder Aufgabentypen zu mischen, statt ein Thema komplett abzuschließen, bevor du zum nächsten gehst. In Mathe heißt das: verschiedene Aufgabentypen in einer Session mischen. In Sprachen: Grammatik, Vokabeln und Lesen abwechseln. Das Gehirn lernt dadurch, verschiedene Konzepte zu unterscheiden und das richtige Wissen zur richtigen Zeit abzurufen – eine Fähigkeit, die in Prüfungen entscheidend ist.

Elaboration wiederum bedeutet, neues Wissen aktiv mit vorhandenem zu verbinden. Du fragst: „Warum ist das so? Wie hängt das mit dem zusammen, was ich schon weiß?" Du suchst Analogien, findest Beispiele aus dem echten Leben, erstellst Mind-Maps. Je mehr Verbindungen du schaffst, desto mehr Abrufwege entstehen – und desto resistenter wird das Wissen gegen das Vergessen.

Dual Coding – für alle

Dual Coding bedeutet, verbale Informationen mit visuellen Darstellungen zu kombinieren: Diagramme zu Texten zeichnen, Sketchnotes erstellen, Infografiken nutzen. Das funktioniert, weil dein Gehirn verbale und visuelle Informationen in verschiedenen Systemen speichert. Wenn beide zusammenarbeiten, entstehen mehr Abrufwege.

Dual Coding bedeutet nicht, dass „visuelle Lerner" Bilder brauchen – es bedeutet, dass alle Menschen besser lernen, wenn Wort und Bild zusammenwirken.

Hier liegt ein häufiges Missverständnis: Dual Coding wird oft als Beweis für Lerntypen missverstanden. Aber das Gegenteil ist der Fall. Dual Coding ist ein universelles Prinzip – es funktioniert für jeden, nicht nur für angeblich „visuelle" Lerner. Die Kombination von Wort und Bild hilft dem auditiven Lerner genauso wie dem visuellen, weil sie auf der grundlegenden Architektur des menschlichen Gedächtnisses basiert.


Multimodales Lernen: Warum Vielfalt für jeden funktioniert

Hier liegt der Schlüssel, der oft missverstanden wird: Verschiedene Sinneskanäle zu nutzen funktioniert tatsächlich – aber nicht, weil du ein bestimmter „Typ" bist, sondern weil es ein universelles Prinzip ist. Das Gehirn ist kein Lerntyp. Es ist ein multimodales Verarbeitungssystem, das von Vielfalt profitiert.

Wenn du ein Thema liest, dazu ein Video schaust, es dann jemandem erklärst und anschließend Übungsaufgaben machst, lernst du besser. Nicht weil du zufällig alle „Typen" bedient hast, sondern weil verschiedene Perspektiven das Verständnis vertiefen, weil Wiederholung in verschiedenen Formaten den Spacing-Effect nutzt, weil aktive Verarbeitung wie Erklären und Üben effektiver ist als passive Aufnahme, und weil Dual Coding mehr neuronale Verbindungen schafft.

Der Inhalt bestimmt das Medium – nicht dein „Typ". Anatomie lernt man mit Bildern, weil die Strukturen visuell sind. Fremdsprachen brauchen Hören und Sprechen, weil Sprache auditiv funktioniert. Programmieren erfordert Praxis, weil Können durch Tun entsteht. Das liegt am Fach, nicht an dir.


Daten statt Bauchgefühl

Wenn Lerntypen nicht funktionieren – was dann? Die Antwort ist einfacher und gleichzeitig anspruchsvoller als ein Persönlichkeitstest: Experimentieren und messen.

Individuelle Unterschiede beim Lernen existieren durchaus – aber nicht so, wie die Lerntypen-Theorie behauptet. Die relevanten Unterschiede liegen im Vorwissen (wie viel du bereits über das Thema weißt), in der Motivation (wie sehr dich das Thema interessiert), in der Arbeitsgedächtniskapazität (wie viel du gleichzeitig verarbeiten kannst) und in der Selbstregulation (wie gut du dein Lernen steuerst). Diese Faktoren kannst du beeinflussen und verbessern – im Gegensatz zu einem angeblich angeborenen „Typ".

100 %
der Menschen profitieren von evidenzbasierten Lernmethoden – unabhängig vom angeblichen Lerntyp

Mit Athenify kannst du verschiedene Lernaktivitäten tracken – Karteikartenlernen, Übungsaufgaben, Videos, Zusammenfassungen schreiben – und nach der Klausur vergleichen: Welche Fächer liefen gut? Wie hast du für diese Fächer gelernt? Die Daten zeigen Muster, die dein Bauchgefühl übersieht. Vielleicht lernst du morgens besser als abends. Vielleicht brauchst du längere Pausen. Vielleicht funktioniert Pomodoro für Mathe, aber nicht für Essays. Das sind echte, individuelle Unterschiede – und du findest sie durch Daten, nicht durch einen Lerntypen-Test.

Statt zu fragen „Was für ein Lerntyp bin ich?", frage: „Welche Methode funktioniert für mich bei diesem Fach, zu dieser Zeit, unter diesen Bedingungen?" Die Antwort findest du durch systematisches Ausprobieren und ehrliche Messung – nicht durch Selbsteinschätzung in einem Online-Quiz.


Fazit: Wissenschaft statt Mythos

Lerntypen sind ein Mythos – und zwar ein schädlicher. Die Forschung ist seit über 15 Jahren eindeutig: Es gibt keine Evidenz dafür, dass Menschen in feste Lerntypen fallen oder dass typgerechter Unterricht besser funktioniert. Der Mythos führt zu Selbstlimitierung, verschwendeter Zeit und Ablenkung von Methoden, die nachweislich wirken.

Was tatsächlich funktioniert, funktioniert für alle: Active Recall, Spaced Repetition, Interleaving, Elaboration und Dual Coding sind universelle Prinzipien, keine typspezifischen Tricks. Echte individuelle Unterschiede existieren – aber sie liegen in Vorwissen, Motivation und Selbstregulation, nicht in sensorischen Präferenzen.

Hör auf, dich als „visueller Lerner" oder „auditiver Typ" zu labeln. Fang an, evidenzbasierte Methoden auszuprobieren – und miss die Ergebnisse. Keine Pseudowissenschaft. Nur Daten.


Bereit, den Lerntypen-Mythos hinter dir zu lassen? Starte mit Athenify und entdecke, was bei dir wirklich funktioniert – mit Daten statt mit Glauben.

Häufig gestellte Fragen

Sind Lerntypen wissenschaftlich bewiesen?

Nein. Die umfassendste Metaanalyse von Pashler et al. (2008) fand keine Evidenz dafür, dass Unterricht nach Lerntypen zu besseren Ergebnissen führt. Dutzende weitere Studien bestätigen: Die 'Meshing Hypothesis' – dass Menschen besser lernen, wenn der Unterricht zu ihrem Lerntyp passt – ist nicht haltbar.

Warum glauben so viele Menschen an Lerntypen?

Der Mythos ist intuitiv (jeder hat Präferenzen), einfach zu verstehen und zu vermarkten. Außerdem fühlt es sich validierend an zu hören 'Du bist ein visueller Lerntyp'. Viele Lehrer lernten es in ihrer Ausbildung, und die Test-Industrie hat ein finanzielles Interesse am Fortbestehen des Mythos.

Was funktioniert statt Lerntypen?

Evidenzbasierte Lernmethoden wie Active Recall (aktives Abrufen), Spaced Repetition (verteiltes Wiederholen), Interleaving (gemischtes Üben), Elaboration (tiefes Verarbeiten) und Dual Coding (Kombination von Wort und Bild) – für ALLE Lernenden, nicht typspezifisch.

Gibt es überhaupt individuelle Unterschiede beim Lernen?

Ja, aber nicht so wie Lerntypen es behaupten. Unterschiede gibt es bei Vorwissen, Motivation, Arbeitsgedächtniskapazität und Selbstregulation. Diese Faktoren sind viel relevanter als angebliche sensorische Präferenzen und lassen sich durch gute Lernstrategien adressieren.

Wie finde ich heraus, welche Lernmethode für mich funktioniert?

Experimentiere mit evidenzbasierten Methoden und tracke deine Ergebnisse. Mit Athenify kannst du messen, wie lange du mit verschiedenen Methoden gelernt hast und wie sich das auf deine Noten auswirkt – Daten statt Bauchgefühl.

Über den Autor

Lukas von Hohnhorst

Lukas von Hohnhorst

Gründer von Athenify

Seit meinem 3. Semester tracke ich jede Lerneinheit – damals noch in Excel. Dank dieser Daten schrieb ich meine Master-Thesis vom Maidan in Kiew, aus dem Starbucks in Bukarest und einem Airbnb in Warschau.

In meiner Thesis brachte ich mir das Programmieren bei. Daraus entstand Athenify: 2020 gelauncht, seitdem kontinuierlich weiterentwickelt – heute mit über 30.000 Nutzern in 60+ Ländern. Außerdem habe ich das Buch "The HabitSystem" über Gewohnheiten geschrieben.

Dabei fließen 10+ Jahre Tracking-Erfahrung und 5+ Jahre Softwareentwicklung in die Entwicklung von Athenify ein. Als Software Product Owner, ehemaliger Bain-Berater und Mannheim-Absolvent (Top 2 %) weiß ich, was Studierende brauchen – ich war selbst Tutor an der Uni.

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