20. Begreife, dass Zeit, Energie und Geld deine einzigen Ressourcen sind
Vor einigen Jahren bin ich im Internet auf ein Meme gestoßen, das mir bis heute nicht mehr aus dem Kopf geht. Es zeigt drei Figuren: einen Jugendlichen, einen Erwachsenen und einen alten Menschen. Unter jeder Figur sind jeweils drei Balken dargestellt, beschriftet mit »Zeit«, »Geld« und »Energie«.
Der Jugendliche verfügt über prall gefüllte Balken bei »Zeit« und »Energie« – der Balken bei »Geld« hingegen ist fast leer. Beim Erwachsenen sind die Balken von »Geld« und »Energie« gut gefüllt – doch der Balken für »Zeit« ist kaum vorhanden. Beim älteren Menschen schließlich sind die Balken von »Zeit« und »Geld« gefüllt; der Balken der »Energie« ist nahezu leer.
Jede der drei Figuren hat also nur zwei volle Balken, und einen leeren Balken.
Sowohl der Jugendliche als auch der Erwachsene haben einen vollen Balken an »Energie«. Das erscheint logisch, denn beide sind (hoffentlich) gesund und verfügen über ihre vollen geistigen und körperlichen Kräfte. Ein entscheidender Unterschied besteht aber: Während der Jugendliche reich an »Zeit« ist, hat der Erwachsene einen vollen »Geld«-Balken. Auch das ist einleuchtend, denn offensichtlich tauscht der Erwachsene seine Arbeitszeit gegen Geld ein. Der ältere Mensch verfügt am Ende seines Arbeitslebens (angenommen, er ist nun in Rente) über ausreichend »Geld« und »Zeit« – nur die "Energie" lässt nach.
Ich habe lange über dieses Meme nachgedacht. Seine Einfachheit und Klarheit faszinieren mich. Es brachte mich zu der Einsicht, dass jeder Mensch tatsächlich nur über diese drei Ressourcen verfügt: Zeit, Energie und Geld. Alles, was wir im Leben tun oder erreichen, ist ein Ergebnis des »Handels« mit diesen Ressourcen: Wir tauschen eine (oder mehrere) davon ein, um etwas anderes zu erhalten.
Als junger Mensch hast du laut diesem Meme viel Energie und viel Zeit, aber vermutlich wenig Geld. Die Frage ist nun: Wie kannst du diese beiden Ressourcen in deinen Zwanzigern am besten nutzen? Welcher Handel macht am meisten Sinn?
Um dir bei der Beantwortung dieser Fragen zu helfen, stelle ich dir im Folgenden meine Gedanken zu den drei Ressourcen vor.
Die erste Ressource: Deine Zeit
Die Zeit in unserem Leben ist begrenzt – denn leider ist das Leben endlich. Viele Menschen gehen mit ihrer Zeit um, als ob sie im Überfluss vorhanden wäre. Aber bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 80–100 Jahren sollte man sich immer vor Augen halten, dass Zeit ein sehr kostbares Gut ist, vielleicht sogar das wertvollste, das uns zur Verfügung steht. Natürlich können wir Zeit nicht besitzen, wie wir materielle Dinge besitzen und jeder Moment verfliegt, ohne dass wir ihn aufhalten können. Dennoch ist die Vorstellung von Zeit als Ressource nicht abwegig. Jeden Tag haben wir alle gleich viel davon zur Verfügung: 24 Stunden. Deshalb sprechen wir auch von Zeitverschwendung, Zeitsparen oder davon, uns Zeit zu erkaufen.
Neben deiner Gesundheit ist die Möglichkeit zu entscheiden, wie du deine Zeit verbringst, das wertvollste Gut, das du besitzt. Beide – deine Gesundheit und deine Zeit – nehmen im Laufe deines Lebens stetig ab. Älter werden bedeutet leider oft, kontinuierlich an Gesundheit einzubüßen. Natürlich handelt es sich hierbei um einen schleichenden Prozess, der sich über Jahre hinweg vollzieht – aber er ist unaufhaltsam. Und mit sinkender Gesundheit nimmt auch die dir zur Verfügung stehende Zeit ab.
Unser Leben ist zeitvariant. In der Systemtheorie unterscheidet man zwischen zeitvarianten und zeitinvarianten Systemen: Ein zeitinvariantes System zeigt bei identischer Eingabe immer die gleiche Reaktion, egal, wann die Eingabe erfolgt. Ein zeitvariantes System hingegen ändert sein Verhalten auch bei gleicher Eingabe über die Zeit hinweg, zum Beispiel durch Verschleiß oder veränderte Umgebungstemperaturen, die die Reaktion des Systems beeinflussen.
Auch unser Leben ist stark zeitvariant. In der Jugend eröffnen sich uns ganz andere Möglichkeiten als im hohen Alter. Ältere Menschen verfügen dagegen über einen größeren Erfahrungsschatz, der ihr Verhalten beeinflusst. Ein kleines Kind nimmt die Welt farbenfroher und sorgloser wahr als ein Erwachsener. Ebenso wird ein Student in einem höheren Semester die Dinge bereits anders sehen als ein frischgebackener Abiturient. Diesen Wechsel der Perspektiven kennen wir alle und viele Dichter haben sich damit beschäftigt. Der Punkt, den ich hier machen möchte, ist folgender:
Als junger Mensch genießt du Privilegien, die du später nicht mehr haben wirst. Deine Ideen werden, wenn sie gut gemeint sind, meist auf Wohlwollen treffen und nicht so streng kritisiert wie die eines Älteren. Die Zeit als Student kommt mit einem Premium-Status für junge Menschen, der Rabatte in öffentlichen und kommerziellen Einrichtungen ermöglicht. Du hast die Möglichkeit, diese Zeit voll und ganz dem Lernen und der Entwicklung deiner Persönlichkeit zu widmen. Dieses Zeitfenster wird nicht immer offen sein.
Ähnlich verhält es sich, wenn du eine Familie gründen möchtest. Auch dafür hast du nicht unbegrenzt Zeit. Aber keine Sorge, für die meisten wird diese Entscheidung wohl noch einige Jahre in der Zukunft liegen. Dennoch solltest du die Zeit davor sinnvoll nutzen, um bestimmte Dinge zu erreichen: Ein geregeltes Einkommen wäre hilfreich. Auch die Fähigkeit, einen Haushalt zu führen, wäre von Vorteil. Eine Vorstellung davon, wie die nächsten Jahre aussehen könnten, wäre eine weitere hilfreiche Komponente bei der Familienplanung.
Behalte diese Gedanken und diese langfristige Sicht auf die Zeit in deinen Überlegungen im Hinterkopf. Teile dein Leben in verschiedene Zeitfenster von etwa fünf Jahren ein und überlege dir, welche Herausforderungen und Möglichkeiten in jedem dieser Fenster auf dich warten. Wie hängen diese Zeitfenster zusammen? Was musst du in einem früheren Zeitfenster erreichen oder erledigen, um deine Ziele in einem späteren Zeitfenster erfüllen zu können? Werden deine Ziele und Bedürfnisse im Laufe des Lebens gleich bleiben?
Bei vielen Menschen besteht eine Diskrepanz zwischen dem, was ihnen wichtig ist, und dem, wofür sie die meiste Zeit aufwenden. Versuche, deine Zeit auf allen drei Ebenen, die wir hier vorgestellt haben, in Einklang mit deinem Mindset zu bringen. Nutze die Ressource Zeit so, dass sie deinem gewünschten Mindset entspricht.
Die zweite Ressource: Deine Energie
Energie ist die Summe deiner mentalen und körperlichen Kräfte. Als junger Mensch hast du vor allem das, was der Physiker als potenzielle Energie bezeichnet. Das bedeutet, dass deine Energie hauptsächlich in deinem Potenzial liegt. In den Zwanzigern geht es darum, diese potenzielle Energie in kinetische Energie - also Bewegungsenergie - umzuwandeln. Das bedeutet konkret, in allen in diesem Buch aufgeführten Bereichen Momentum aufzubauen.
Energie ist ein Indikator dafür, wie sehr du zu einem bestimmten Zeitpunkt auf deine kognitiven, psychischen und physischen Fähigkeiten zurückgreifen kannst. Deine kognitiven Fähigkeiten werden bei einer schwierigen Rechenaufgabe oder beim Verfassen eines Aufsatzes benötigt. Die psychische Komponente ist wichtig, um Willenskraft aufzuwenden oder Trieben zu widerstehen. Physische Fähigkeiten sind bei jedem Training oder körperlicher Arbeit gefragt. Diese drei Aspekte sind oft eng miteinander verknüpft.
Genauso wie die Zeit ist auch deine Energie begrenzt. Jeder kennt Situationen, in denen man genau weiß, was zu tun ist, aber einfach keine Energie hat, es anzupacken. Du willst dein Energieniveau stets im Blick behalten. Deine Energie hängt von vielen Faktoren ab: deinem Schlaf, deiner Ernährung, deiner sportlichen Aktivität, deinem Gesundheitszustand und der Qualität deiner Beziehungen. Ohne Energie kannst du deine Pläne nicht umsetzen und wirst eher passiv durchs Leben gehen. Stell dir deine persönliche Energie als eine Art Pegel vor, dessen Stand du bei der Planung deiner Aktivitäten berücksichtigen solltest. Suche dir Dinge, die dir Energie zurückgeben und setze deine vorhandene Energie so ein, dass sie dich deinen hochpriorisierten Zielen näher bringt.
Im Zusammenhang mit den im letzten Abschnitt erwähnten Zeitfenstern bedenke: Deine Lebensenergie wird nicht immer gleich sein. Man spricht nicht umsonst von der Energie und dem Eifer der Jugend und der Gelassenheit und Ruhe im Alter. Der Wunsch nach Veränderung wird in jungen Jahren größer sein. Deine Regenerationsfähigkeit nimmt mit dem Alter ab, deine Energiereserven benötigen mehr Zeit zur Erholung. Nutze also deine jungen Tage und die Energie, die sie dir bieten.
Die Gesundheit ist auch ein entscheidender Faktor für deine Energie. Eine ernsthafte Krankheit oder eine hartnäckige Verletzung kann deine Energie auf ein extrem niedriges Niveau reduzieren. Wenn du deinen Körper schlecht behandelst, kann das auf lange Sicht enorm viel Energie kosten. Den Kater nach einer durchzechten Nacht kennt jeder. An solchen Tagen fällt es den meisten schwer, das zu erledigen, was sie sich vorgenommen haben. Aber dein junger Körper erholt sich schnell davon.
Auf der anderen Seite kann Energie auch als Leistungsfähigkeit gesehen werden, die gesteigert werden kann. Durch regelmäßiges körperliches Training stärkst du deinen Körper, erhöhst Kraft, Schnelligkeit oder Ausdauer. Ähnlich verhält es sich mit deinen kognitiven Fähigkeiten, auch wenn das nicht so greifbar ist. Disziplin und Fleiß lassen sich bis zu einem gewissen Grad antrainieren. Deine kognitive Leistungsfähigkeit kann nach verschiedenen Metriken gesteigert werden. Auf diese Weise kannst du die Energiereserven, die dir zur Verfügung stehen, vergrößern.
Es gibt auch Studien, die das Konzept der Ego-Depletion, des Nachlassens der Willensstärke, unterstützen. Testpersonen, die zuvor bereits disziplinerfordernde Entscheidungen treffen mussten, waren oft nicht mehr in der Lage, diese Disziplin aufrechtzuerhalten. Es gibt allerdings auch Kritik an diesem Konzept, teilweise konnten die Studien nicht repliziert werden.
Energie ist eine begrenzte Ressource, die im Laufe eines Tages und im Verlauf deines Lebens schwankt. Durch eine gesunde Lebensführung, kluge Alltagsentscheidungen, Kenntnis deiner eigenen psychischen und physischen Fähigkeiten, Training und gute Gewohnheiten kannst du das Maximum aus deiner Energie herausholen und deine Energiereserven steigern.
Neben dem Zeitmanagement solltest du also auch ein Energiemanagement betreiben. Das ist mindestens genauso wichtig. Stell dir außerdem die Frage, wofür du die meiste Energie aufwendest. Sind es die Dinge, die dir am wichtigsten sind? Bei vielen Menschen besteht eine Diskrepanz zwischen dem, was ihnen am wichtigsten ist, und den Dingen, für die sie die meiste Energie aufwenden. Versuche, deine Denkweise und den Einsatz deiner Energie in Einklang zu bringen.
Die dritte Ressource: Dein Geld
Geld ist zunächst einmal Ausdruck von gesellschaftlichem Vertrauen. Dieses Vertrauen ergibt sich daraus, dass wir alle darauf zählen, dass das Geld, das wir besitzen, auch von anderen Menschen und Institutionen als Tauschmittel akzeptiert wird. Dieses gegenseitige Vertrauen ist die Grundlage unseres modernen Währungssystems. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen das Material des Geldes dieses Versprechen verkörperte. Über einen Großteil der Menschheitsgeschichte bestanden Münzen aus Gold und Silber, da der Wert des Metalls unabhängig von der Form der Münze von niemandem in Frage gestellt wurde. Heute basiert das System mehr oder weniger vollständig auf dem Vertrauen der Menschen in unsere Gesellschaft.
Des Weiteren symbolisiert Geld Freiheit. Dabei gilt die Gleichung: Mehr Geld gleich mehr Freiheit. Mit mehr Geld hast du die Möglichkeit, dich von bestimmten Verpflichtungen zu befreien, mehr Auswahl zu haben und dein Leben nach deinen eigenen Vorstellungen zu gestalten. Du kannst beispielsweise entscheiden, wo und wie du leben möchtest, oder welche beruflichen Chancen du ergreifen willst.
Geld bietet dir auch eine Fülle von Optionen. Es ermöglicht dir, aus verschiedenen Alternativen die für dich beste auszuwählen. Das kann die Wahl deines Lebensstils, deines Berufs oder deines Wohnortes betreffen. Geld schafft also Flexibilität und Optionen. Geld ist dabei jedoch amoralisch. Es hat keine eigene Moral oder Ethik. Es ist ein Werkzeug, das von Menschen verwendet wird und die Moralität der Handlungen, die mit Geld verbunden sind, hängt von den Menschen ab, die es verwenden.
Geld kann zwar viele, aber nicht alle Probleme lösen. Es kann beispielsweise dazu beitragen, dass du dir eine gute medizinische Versorgung leisten kannst oder dir Zugang zu Bildung verschaffen. Es kann jedoch keine zwischenmenschlichen Probleme lösen oder dir wahre Zufriedenheit und Erfüllung bringen. Diese Dinge musst du in dir selbst finden.
Wie jeder weiß, lässt sich Geld auf dem freien Markt für Sachwerte eintauschen und umgekehrt, je nachdem, welchen Preis der Markt gerade bereit ist zu zahlen. Der Wert hängt natürlich vom Zustand der Ware und von den Umständen, wie der Zeit oder dem Ort, ab. Das ist ein sehr wichtiger Punkt: Die meisten Dinge haben keinen intrinsischen Wert, den sie immer behalten. Je nach Zeitpunkt, Ort und Interesse der Leute kann sich ein ganz anderer Preis ergeben. Eine Flasche Wasser ist für einen Verdurstenden in der Wüste viel mehr wert, als für einen Wanderer in den Bergen, der gerade an einer sprudelnden Quelle rastet. Wenn du diesem Gedanken folgst, lässt sich das auch auf Gebrauchsgegenstände übertragen. Dinge, die du für lange Zeit nicht brauchst, kannst du jederzeit jemandem verkaufen, der sie dringend benötigt. Das spart Platz und Geld. Und falls du die Sache doch noch mal brauchen solltest, kannst du sie einfach wieder auf dem Markt kaufen.
Ein weiterer Faktor, der für den Preis einer Ware von großer Bedeutung ist, ist die Menge. Aus der Sicht eines einzelnen Käufers ist der Preis nicht direkt proportional zur Menge der Ware. Ist jemand hungrig und möchte auf dem Markt einen Apfel kaufen, so werden ihm fünf Äpfel nicht fünfmal so viel den Hunger stillen im Vergleich zu einem einzelnen Apfel. Die Ökonomen sprechen hier vom abnehmenden Grenznutzen.
Genauso kannst du Dienstleistungen erwerben. Damit kaufst du im Grunde die Zeit und Energie anderer Menschen, um selbst Zeit und Energie zu sparen. Ein Arbeitgeber kauft die Zeit und Energie seiner Angestellten. Umgekehrt bietest du deine Zeit und Energie an, um dafür Geld zu erhalten. Fähigkeit und Selbstvermarktung bestimmen darüber, wie viel du dafür bekommst. Genau wie bei Sachwerten sind nicht alle Dienstleistungen gleich. Die Qualität spielt eine Rolle, die größtenteils von deinen Fähigkeiten abhängt. Wo die Dienstleistung angeboten wird, ist ebenfalls wichtig. Das Internet hat diesen Zusammenhang für informationsbasierte Dienstleistungen jedoch vollständig revolutioniert. Wie schnell eine Dienstleistung erbracht werden kann, ist ein weiteres entscheidendes Merkmal.
Um echten Reichtum zu erlangen, reicht harte Arbeit alleine oft nicht aus. Du benötigst Hebel und Vermögenswerte, um dein Vermögen zu vermehren. Hebel können beispielsweise Investitionen in Aktien oder Immobilien sein, die im Wert steigen und so dein Vermögen vergrößern. Vermögenswerte sind Dinge, die dir Geld einbringen, wie zum Beispiel ein vermietetes Gebäude oder Unternehmensanteile, die Dividenden ausschütten.
Informationen, geistiges Eigentum und kreative Konzepte können zu Geld gemacht werden, ohne dass du proportional dazu deine Zeit und Energie investieren musst. So lässt sich die Vervielfältigung von Software oder Nutzungsrechten ohne zusätzlichen Aufwand erreichen, obwohl dafür Geld eingenommen wird. Ähnlich verhält es sich, wenn du ein Unternehmen besitzt, das die kritische Aufbauphase überstanden hat und nun ohne großes Zutun weiterläuft. Es gibt also Möglichkeiten, den linearen Transfer von Zeit und Energie in Geld zu entkoppeln.
