9. Lebe als Essentialist und Minimalist: Die Kunst der Negation (via negativa)
The difference between successful people and really successful people is that really successful people say no to almost everything.
— Warren Buffett
Ein Blick in einen durchschnittlichen Supermarkt reicht aus, um die überwältigende Komplexität unserer Welt zu verdeutlichen: Inmitten der Regale findest Du 27 verschiedene Arten von Marmelade. Wie sollst Du da eine Entscheidung treffen?
Die Komplexität unserer Welt hat im Laufe der Jahrhunderte zugenommen. Mit fast 10 Milliarden Menschen und Millionen von Büchern, Tausenden von Videospielen, Hunderten von Hobbys und Dutzenden von Streaming-Diensten ist die Auswahl schier endlos. In der westlichen Welt gibt es Nahrung im Überfluss: Du hast die Wahl zwischen 20 Marmeladensorten, 34 Cornflakes-Varianten und unzähligen Variationen von Hummus.
Angesichts dieser Fülle und Auswahl ist es zunehmend schwierig, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Viele Menschen erkennen schnell, dass es tatsächlich ein "Zuviel" geben kann. Wir sprechen von Informationsüberflutung oder der dem Auswahlparadox. Unser menschliches Gehirn ist schlichtweg nicht für die moderne Welt konzipiert und stößt darin schnell an seine Grenzen.
Als Reaktion auf diese Tendenz hat sich eine bemerkenswerte Subkultur des Minimalismus entwickelt. Es wurden Bücher wie »Simplify Your Life« und »The Life-Changing Magic of Tidying Up: The Japanese Art of Decluttering and Organizing« geschrieben. Beide Bücher befassen sich mit der Reduzierung der Vielzahl an Besitztümern.
Mark Mansons Buch »The Subtle Art of Not Giving A Fuck« schlägt in dieselbe Kerbe: Man muss entscheiden, welche Themen überhaupt einen Aufreger wert sind. Auch andere Bücher, wie »Essentialism: The Disciplined Pursuit of Less«, setzen auf die Idee der Reduzierung.
Reduzieren bedeutet immer auch, den Fokus von vielen auf wenige Dinge zu verlagern. Das wird von Gary Keller in seinem Buch »The One Thing« beschrieben: Hier wird vorgeschlagen, sich auf eine Sache (the one thing) zu konzentrieren.
Es ist eine Wahrheit, die sich nicht nur in der Welt der Dinge, sondern auch in der Welt der Ideen offenbart: Es ist oft einfacher zu bestimmen, was man nicht mag, als zu bestimmen, was man mag. Stell dir vor, du bist ein Bildhauer, der aus einem riesigen Marmorblock eine Skulptur formen muss – wie es einst Bernini und Canova taten. Du weißt vielleicht noch nicht genau, wie das Endprodukt aussehen wird, aber du weißt definitiv, was entfernt werden muss. So wie der Bildhauer Stein um Stein entfernt, um seine Skulptur zu formen, so musst du das Unwichtige, das Ablenkende und das Überflüssige aus deinem Leben entfernen, um dein wahres Selbst zu formen.
Ein Friseur, ein Schneider – sie alle arbeiten auf diese Weise. Sie nehmen weg, was nicht benötigt wird, um das zu enthüllen, was darunter liegt. Sie definieren durch Negation. Sie schaffen durch das Wegnehmen. Das ist die Essenz des Essentialismus und des Minimalismus: die Kunst des Weglassens, die Praxis der Negation. Es ist der bewusste Akt, das Unwesentliche zu entfernen, um das Wesentliche zu erkennen. Es ist der entschlossene Verzicht auf das Überflüssige, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Es ist die Kunst des Lebens in seiner reinsten, klarsten und authentischsten Form.
