„Ich fange morgen an." – Dieser Satz ist wahrscheinlich der meistgesprochene unter Studierenden. Und morgen? Morgen wird er wieder gesprochen. Du kennst das: Die Klausur ist in drei Wochen, du hast dir fest vorgenommen, heute anzufangen – und findest dich vier Stunden später beim Scrollen durch Instagram wieder, während die Schuldgefühle langsam hochkriechen. Das Frustrierende daran? Du weißt genau, was du tust. Du weißt, dass es falsch ist. Und du tust es trotzdem.

Prokrastination ist kein Charakterfehler. Es ist kein Zeichen von Faulheit. Und es ist definitiv nicht etwas, das du einfach mit „mehr Disziplin" beheben kannst. Die Wissenschaft zeigt: Prokrastination ist ein komplexes psychologisches Phänomen – und genau deshalb lässt es sich auch systematisch überwinden. Mit dem richtigen Zeitmanagement im Studium kannst du die Aufschieberitis in den Griff bekommen.
Prokrastination ist keine Zeitmanagement-Schwäche. Es ist eine Strategie zur Emotionsregulation.
In diesem Artikel erfährst du, was wirklich hinter dem Aufschieben steckt, welche Typen von Prokrastination es gibt und welche evidenzbasierten Strategien tatsächlich funktionieren.
Was ist Prokrastination wirklich?
Prokrastination ist das freiwillige Aufschieben einer beabsichtigten Handlung, obwohl man weiß, dass dieses Aufschieben negative Konsequenzen haben wird.
Das ist wichtig: Es geht nicht um strategisches Planen oder Priorisieren. Wenn du eine Aufgabe bewusst auf später verschiebst, weil etwas Wichtigeres ansteht, ist das kein Prokrastinieren. Prokrastination liegt vor, wenn du weißt, dass du etwas tun solltest, es aber trotzdem nicht tust – und dich dabei schlecht fühlst.
Prokrastination: Du schiebst Lernen auf, obwohl die Klausur in einer Woche ist, und schaust stattdessen Netflix. Du weißt, dass es falsch ist, aber du tust es trotzdem.
Strategisches Aufschieben: Du entscheidest, heute den dringenden Essay zu schreiben und morgen mit der Klausurvorbereitung zu beginnen, weil der Essay zuerst fällig ist.
Die Kosten des Aufschiebens
Prokrastination ist nicht harmlos. Die Forschung zeigt klare negative Auswirkungen:
- Erhöhter Stress: Besonders kurz vor Deadlines steigt die Belastung exponentiell
- Gesundheitliche Folgen: Weniger Schlaf, schlechtere Ernährung, weniger Bewegung
- Psychische Belastung: Schuldgefühle und Selbstvorwürfe verstärken den Teufelskreis
- Akademische Konsequenzen: 5–10 % schlechtere Noten bei chronischen Aufschiebern
Die Wissenschaft hinter dem Aufschieben
Die Temporal Motivation Theory
Die umfassendste Theorie zur Prokrastination ist die Temporal Motivation Theory von Piers Steel. Sie erklärt, warum wir aufschieben, mit einer einfachen Formel:
Procrastination is, at its core, an emotion regulation strategy. We procrastinate not because we're lazy, but because we're trying to manage negative emotions.
— Piers Steel, The Procrastination Equation
Motivation = (Erwartung × Wert) / (Impulsivität × Verzögerung)
Die 4 Faktoren der Motivation:
- Erwartung – Wie wahrscheinlich ist Erfolg?
- Wert – Wie angenehm oder wichtig ist die Aufgabe?
- Impulsivität – Wie leicht lässt du dich ablenken?
- Verzögerung – Wie weit in der Zukunft liegt die Belohnung?
Je weiter eine Deadline entfernt ist, desto unwahrscheinlicher arbeitest du daran – selbst wenn du weißt, dass du solltest.
Das erklärt, warum du am Semesteranfang so motiviert bist („Diesmal lerne ich von Anfang an!") und drei Wochen vor der Klausur immer noch nicht angefangen hast.
Prokrastination als Emotionsregulation
Neuere Forschung zeigt: Prokrastination ist primär ein Problem der Emotionsregulation, nicht des Zeitmanagements. Sirois & Pychyl zeigten 2013, dass wir prokrastinieren, um kurzfristig negative Emotionen zu vermeiden – Angst, Langeweile, Frustration, Überforderung. Das Problem: Die kurzfristige Erleichterung wird durch langfristigen Stress und Schuldgefühle erkauft. Es entsteht ein Teufelskreis: Je mehr wir aufschieben, desto schlechter fühlen wir uns, desto mehr wollen wir aufschieben.
Das Belohnungssystem des Gehirns
Dein Gehirn bevorzugt sofortige Belohnungen gegenüber verzögerten. Das ist evolutionär sinnvoll – in der Savanne war die Beere jetzt wichtiger als die vielleicht größere Beere morgen.
Der Kampf in deinem Kopf:
- Limbisches System (emotional, impulsiv) → Will Netflix jetzt, sofortige Dopamin-Ausschüttung
- Präfrontaler Kortex (rational, planend) → Weiß, dass Lernen die bessere Wahl ist
Ohne aktives Gegensteuern gewinnt fast immer das limbische System – so sind wir programmiert.
Die 4 Haupttypen der Prokrastination
Nicht alle Aufschieber sind gleich. Das Verständnis deines Prokrastinations-Typs hilft dir, die richtigen Strategien zu wählen.
Typ 1: Der Ängstliche
Der ängstliche Aufschieber wird von Versagensangst, Perfektionismus und Selbstzweifeln getrieben. In seinem Kopf kreisen Gedanken wie: „Was, wenn ich es nicht schaffe? Was, wenn meine Arbeit nicht gut genug ist?" Diese Angst führt dazu, dass er gar nicht erst anfängt, weil der erste Schritt zu beängstigend erscheint. Stattdessen verbringt er Stunden mit Vorbereitung und Recherche – alles, um den Moment des tatsächlichen Beginnens hinauszuzögern.
Die Lösung liegt im Fokus auf das Anfangen, nicht auf das Perfektionieren. Erlaube dir, einen schlechten ersten Entwurf zu schreiben. Der erste Satz muss nicht brillant sein – er muss nur existieren.
Typ 2: Der Perfektionist
Eng verwandt mit dem Ängstlichen, aber mit einem anderen Kern: Der Perfektionist hat unrealistisch hohe Standards und denkt in Alles-oder-Nichts-Kategorien. „Wenn ich es nicht perfekt machen kann, mache ich es lieber gar nicht" – dieser Gedanke blockiert ihn vollständig. Er wartet auf den „perfekten Moment" oder die „perfekte Stimmung", die natürlich nie kommen. Und wenn er endlich anfängt, arbeitet er extrem langsam an unwichtigen Details.
Done is better than perfect. Ein abgegebener Essay ist unendlich besser als ein perfekter Essay, der nur in deinem Kopf existiert.
Die Lösung: Zeitliche Begrenzung setzen. „Ich arbeite 2 Stunden daran, dann ist es fertig." Der Perfektionist braucht externe Grenzen, weil er sich selbst keine setzen kann.
Typ 3: Der Rebellische
Der rebellische Aufschieber prokrastiniert aus einem Gefühl des Widerstands gegen externe Erwartungen. Er hat ein starkes Kontrollbedürfnis und denkt: „Ich mache es, wann ICH es will, nicht wann andere es wollen." Deadlines empfindet er als Einschränkung seiner Freiheit, und das Aufschieben wird zur Demonstration von Autonomie – selbst wenn er sich damit nur selbst schadet.
Die Lösung besteht darin, Aufgaben als eigene Entscheidung zu rahmen. Statt „Ich MUSS lernen" sagt er sich: „Ich WÄHLE, jetzt zu lernen." Der Fokus verschiebt sich von externer Kontrolle zu innerer Autonomie. Deep Work kann diesem Typ helfen, da selbstbestimmte Fokusphasen das Gefühl von Autonomie stärken.
Typ 4: Der Entscheidungsmüde
Der entscheidungsmüde Aufschieber ist schlicht überfordert. Zu viele Optionen, unklare Prioritäten, zu viele offene Baustellen. „Wo soll ich überhaupt anfangen? Ich weiß nicht, was zuerst dran ist." Also verbringt er Zeit mit Planen statt Handeln, springt zwischen Aufgaben hin und her oder prokrastiniert durch „produktives" Aufschieben – E-Mails beantworten, Haushalt erledigen, alles außer der eigentlich wichtigen Aufgabe.
Die Lösung ist klare Priorisierung am Vorabend. Wenn du morgens aufwachst, weißt du bereits, was die wichtigste Aufgabe ist – und erledigst sie zuerst, bevor Entscheidungsmüdigkeit einsetzt. Ein strukturierter Lernplan kann hier Wunder wirken, indem er die täglichen Entscheidungen vorwegnimmt.
7 evidenzbasierte Strategien gegen Prokrastination
Strategie 1: Die 2-Minuten-Regel
Das Prinzip: Wenn eine Aufgabe weniger als 2 Minuten dauert, tue sie sofort.
Für größere Aufgaben: Mache die ersten 2 Minuten. Öffne das Dokument. Schreibe den ersten Satz. Das Schwierigste am Anfangen ist das Anfangen.
Warum es funktioniert: Sobald du anfängst, greift der Zeigarnik-Effekt – unerledigte Aufgaben bleiben im Kopf und ziehen dich zurück. Nach 2 Minuten willst du oft weitermachen.
Strategie 2: Implementation Intentions (Wenn-Dann-Pläne)
Das Prinzip: Formuliere konkrete Wenn-Dann-Sätze für dein Verhalten.
Statt: „Ich werde morgen lernen." Besser: „Wenn ich morgen um 9 Uhr an meinem Schreibtisch sitze, dann öffne ich mein Statistik-Skript und bearbeite Kapitel 3."
Warum es funktioniert: Wenn-Dann-Pläne verlagern die Entscheidung von „Wann mache ich das?" zu einem automatischen Auslöser. Du musst im Moment nicht mehr überlegen – du handelst nach Plan.
Strategie 3: Temptation Bundling
Das Prinzip: Verbinde eine unangenehme Aufgabe mit einer angenehmen.
Beispiele:
- „Ich höre meinen Lieblingspodcast nur, während ich Karteikarten lerne."
- „Ich gehe nur ins Lieblingscafé, wenn ich dort lerne."
- „Ich schaue die neue Staffel nur, wenn ich dabei Zusammenfassungen schreibe."
Du nutzt die Verlockung der angenehmen Aktivität, um die unangenehme attraktiver zu machen – das Gehirn verknüpft beide Aktivitäten miteinander.
Strategie 4: Die Pomodoro-Technik
Das Prinzip: Arbeite in 25-Minuten-Blöcken mit 5-Minuten-Pausen.
Für eine vollständige Anleitung zur Pomodoro-Technik lies unseren Leitfaden zur Pomodoro-Technik.
Warum es gegen Prokrastination hilft: Du musst nicht „den ganzen Tag lernen", nur 25 Minuten – das reduziert die Überforderung massiv. Der Timer schafft klare Anfangs- und Endpunkte und strukturiert deine Zeit. Und jeder Pomodoro ist ein Neuanfang, ein Fresh-Start-Effekt, der dir mehrmals täglich die Chance gibt, produktiv zu sein.
Strategie 5: Commitment Devices
Das Prinzip: Mache das Aufschieben schwieriger als das Arbeiten.
Beispiele: Installiere Website-Blocker wie Cold Turkey oder Freedom. Lege dein Handy in einen anderen Raum. Verabrede dich mit Freunden: „Wir lernen zusammen um 10 Uhr in der Bib." Oder hinterlege Geld bei einem Freund, das du nur zurückbekommst, wenn du dein Ziel erreichst.
Willenskraft ist begrenzt. Intelligente Systeme sind unbegrenzt.
Warum es funktioniert: Statt auf Willenskraft zu vertrauen (die erschöpft), gestaltest du deine Umgebung so, dass die produktive Handlung der Weg des geringsten Widerstands wird.
Strategie 6: Environment Design
Das Prinzip: Gestalte deine Umgebung für Produktivität.
Du bist das Produkt deiner Umgebung. Gestalte sie für Erfolg, nicht für Ablenkung.
Für mehr Fokus: Räume deinen Schreibtisch auf – nur das Nötigste bleibt. Geh in die Bibliothek, wo sozialer Druck und weniger Ablenkungen auf dich warten. Nutze Noise-Cancelling-Kopfhörer und schalte alle Benachrichtigungen aus.
Für weniger Ablenkung: Lege dein Handy in einen anderen Raum. Lösche Social-Media-Apps während der Prüfungsphase vom Handy. Nutze einen „Lern-Browser" ohne gespeicherte Logins für Ablenkungsseiten.
Strategie 7: Zeiterfassung mit Athenify
Das Prinzip: Was gemessen wird, wird verbessert.
Athenify macht deine Prokrastination sichtbar – und genau das ist der erste Schritt zur Veränderung.
Wie Athenify gegen Prokrastination hilft: Du bekommst eine ehrliche Bestandsaufnahme – du siehst, wie viel du wirklich lernst vs. wie viel du glaubst zu lernen. Der Timer wird zum Commitment: Wenn du ihn startest, hast du dich entschieden zu arbeiten, was es schwerer macht, dich „kurz" abzulenken. Streaks motivieren, weil jeder Tag deinen Streak aufbaut – und die Angst, ihn zu brechen, ist stärker als die Verlockung zu prokrastinieren. Der Aktienkurs zeigt deinen kumulativen Fortschritt, denn jede Lernstunde lässt ihn steigen. Und nach ein paar Wochen siehst du Muster für gezielte Gegenmaßnahmen: Wann prokrastinierst du am meisten? Bei welchen Fächern?
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Mach Prokrastination sichtbar: Tracke deine Lernzeit ehrlich, baue Streaks auf und sieh, wann und warum du aufschiebst – der erste Schritt zur Veränderung.
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Der Aktionsplan: Prokrastination ab heute überwinden
Woche 1: Bewusstsein
In der ersten Woche geht es nicht darum, dein Verhalten zu ändern – sondern es zu verstehen. Beginne damit, deine Zeit mit Athenify zu tracken. Jede Lernminute zählt, aber dokumentiere auch die Stunden, die du eigentlich lernen wolltest und es nicht getan hast. Diese Ehrlichkeit ist unbequem, aber notwendig.
Während du trackst, identifiziere deine Trigger. Wann schiebst du auf? Bei welchen Aufgaben? Zu welchen Uhrzeiten? Gibt es Muster? Vielleicht prokrastinierst du immer nach dem Mittagessen, oder immer bei einem bestimmten Fach. Und frage dich: Welcher der vier Typen bist du? Ängstlich, perfektionistisch, rebellisch oder entscheidungsmüde?
Woche 2: Erste Interventionen
Mit dem Wissen aus Woche 1 beginnst du jetzt, aktiv gegenzusteuern. Installiere als Erstes einen Website-Blocker für deine größten Ablenkungen – sei radikal, sei konsequent. Dann formuliere drei konkrete Wenn-Dann-Pläne (Implementation Intentions) für deine häufigsten Prokrastinations-Situationen. Und starte jeden Lerntag mit der 2-Minuten-Regel: Öffne das Dokument, schreibe den ersten Satz. Nur anfangen, nicht perfekt sein.
Woche 3–4: Systeme etablieren
Jetzt baust du langfristige Systeme auf. Nutze die Pomodoro-Technik für fokussiertes Arbeiten – 25 Minuten Arbeit, 5 Minuten Pause, wiederholen. Baue einen Streak auf, indem du jeden Tag mindestens 30 Minuten lernst, egal wie unmotiviert du bist. Und analysiere deine Daten: Was funktioniert? Was nicht? Welche Strategien greifen bei dir, welche sind Zeitverschwendung?
Langfristig: Gewohnheit werden
Nach 4–6 Wochen mit diesen Strategien wirst du merken: Prokrastination ist kein unüberwindbares Monster. Es ist ein Muster – und Muster lassen sich ändern. Die Strategien, die anfangs bewusste Anstrengung erforderten, werden zu automatischen Gewohnheiten. Du wirst nicht perfekt sein – niemand ist das – aber du wirst deutlich weniger aufschieben als vorher.
Fazit: Prokrastination ist besiegbar
Prokrastination fühlt sich an wie ein persönliches Versagen. Aber das ist es nicht. Es ist ein menschliches Phänomen mit wissenschaftlich verstandenen Ursachen – und bewährten Lösungen.
Was solltest du aus diesem Artikel mitnehmen?
- Prokrastination ist Emotionsregulation. Du schiebst auf, um dich kurzfristig besser zu fühlen, nicht weil du faul bist. Du bist kein schlechter Mensch – du bist ein Mensch mit einem menschlichen Gehirn.
- Willenskraft allein reicht nicht. Du kannst dich nicht einfach „zusammenreißen" und das Problem lösen. Du brauchst Systeme, Routinen und eine optimierte Umgebung, die produktives Verhalten zum Weg des geringsten Widerstands macht.
- Zeiterfassung macht Prokrastination sichtbar. Und was sichtbar ist, kann verändert werden. Du kannst nicht bekämpfen, was du nicht siehst – aber sobald du deine Muster erkennst, hast du die Macht, sie zu durchbrechen.
Der beste Zeitpunkt, mit dem Aufschieben aufzuhören, war gestern. Der zweitbeste ist jetzt.




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